Leo Beninga

Das unendliche Tier

Startdatum der Ausstellung
4. September 2020
Enddatum der Ausstellung
25. September 2020

Die unendlichen Tiere

Den in der Ausstellung gezeigten Bildern ist eine rätselhafte und insgesamt eher dunkle Ausstrahlung eigen. Sie verdanken ihre spannungsgeladene, durchdringende Wirkung einer Aufforderung zur Spurensuche, die auch bis hinein in die Grenzfelder des Abgrunds und des Rausches führen kann. Der Titel eines der ausgestellten Bilder weist direkt auf Georges Batailles Tränen des Eros (1961) hin, dem letzten zu Lebzeiten des Philosophen veröffentlichten Werks, welches sich ausgehend von der Höhlenmalerei mit der Geburt der Erotik aus der Kunst beschäftigt. Für den Künstler ein in vielerlei Hinsicht interessantes Terrain. Seit jeher lebt in Leo Beninga die Sehnsucht nach unterirdischen Welten, ob diese nun ihre Verortung in einer Grotte oder unter Wasser finden. Auf dem Meeresgrunde solle man sich ansiedeln, hat man doch für dieses Privileg, die Gabe an die Unterwelt entrichtet.

Dabei stößt Beninga gelegentlich ins Archetypische vor. In seinem freien Rückbezug auf die Anfänge der Malerei erinnern seine Motive und Farbtöne zuweilen an die Höhlenmalereien von Lascaux, als wären seine unendlichen Tiere kräftiger Ausdruck von Urprinzipien. Eine Schau schöner Ungetüme, göttlicher Kreaturen und verehrter Biester, ein Spiel auf Höllenhunde und glänzender Reptilien, ein Happening überlegener Raubvögel und fabrikneuer Insekten. Und bei vorteilhaftem Lichteinfall schlagen die Unzulänglichkeiten und Beschädigungen der Protagonisten nicht ins Gewicht, sind sie doch zugleich und völlig unzweifelhaft eindrucksvolle und imposante Erscheinungen. Stone washed, günstig verbeult, angenehm zerkratzt, vorteilhaft vernarbt wirken Beningas Tiere erhaben über ihre Jäger und Peiniger, als könne ihnen kein goldenes Netz, kein schönes Loch, keine heimische Falle je ein Ende bereiten. Fast könnte man angesichts dieser Betrachtungen an ihre Tränen, Verwundungen und selbst ihre Gefangenschaft wären nur erforderliche erzählerische Zwischenetappen und notwendige Bausteine des immer selben Rituals, welches in der malerischen Ausführung Heilung oder Wiederbelebung und damit ihr befriedigendes Ende findet. Beningas eigenwilliger poetischer Stil bezieht sich dabei nicht allein auf seine Art der Malerei und die von ihm geschaffenen phantastischen Bildwelten, sie findet in einer wirkungsstarken und oftmals rätselhaften Titelgebung Fortsetzung. Spannung und lyrische Nahrung. Und der Betrachter sucht die leeren Prinzen vor den Stacheldrahtladen, die südlichen Tiere auf den dunklen Weiden, die geteert(en) Engel in den zerkratzten Städten, die Rosenkavaliere, die Nachtschwimmer, die dunklen Feste und die gespenstischen Heuschrecken der Tropen.

Beningas Tierschau ist eine Versammlung mutiger und selbstbestimmter Ausbrecher. Und wer an der Weser kann und möchte sie aufhalten?! Heisst es nicht bei den Bremer Stadtmusikanten: „Etwas besseres als den Tod findest du überall“? Und auch wenn es sich bei den Schatten- oder Rauchgestalt in Ein bisschen drüber nicht unbedingt um Dionysos handelt, und auch wenn uns der finster anblickende Admiral Voodoo wohl kein Blutopfer abverlangen wird, sondern der Welt in schlimmstem Falle eine Voodoonadel zu schenken vermag, wirken Beningas Figuren auf ihre eigene Art unzerstörlich, gehörig und schwer zu befriedigen. Sich ihres Todes bewusst, das Unmögliche anstrebend und zugleich und eben dadurch unsterblich scheinen sie zwischen Tränen und Gelächter vereint im Verlangen nach Poesie und Ekstase, walzen sich in Unzucht und zelebrieren lustvoll die Überschreitung.

Die Ausstellung in der Galerie Roche bietet einen guten Überblick über das malerische Schaffen Beningas der Jahre 2016–2020 und bildet eine gelungene Fortsetzung der erfolgreichen Wiener Ausstellung Der verborgene Tag (2019) sowie der Hamburger Werkschau von Souterrain ins Tiefparterre (2017/2018). Die durch die Corona-Krise bedingte Verschiebung der Werkschau um gut vier Monate hat diesen Gesamtüberblick ohne Zweifel noch bereichert und ihm einige seiner eindrucksvollsten und kräftigsten Bilder beschert, welche in einer Ausstellung im April gefehlt hätten.

Text: Sara Sophie Schmalenbach